Wie das Land Berlin seine Beamtinnen und Beamten als zinslose Bank missbraucht
Hier entsteht blanke Wut statt Rechtsfrieden – Ein Kommentar zur Wahrheit, die ehrlicher Journalismus aufdecken müsste, wenn er den Pulitzer-Preis als seinen Heiligen Gral verstünde
Wer in der Berliner Senatsverwaltung glaubt, man könne eine fast zwei Jahrzehnte dauernde verfassungswidrige Unteralimentierung mit Rechenakrobatik und Krumen abspeisen, unterliegt einem gewaltigen Irrtum.
Man stelle sich folgendes Szenario vor: Ein Schuldner leiht sich über ein Jahrzehnt hinweg Stück für Stück eine gewaltige Summe Geld von seinen Beschäftigten. Er tut dies nicht einvernehmlich, sondern indem er schlicht vereinbarte und verfassungsrechtlich zustehende Bezüge einbehält. Am Ende beläuft sich der Einspareffekt – hochgerechnet über Jahre verfassungswidriger Unteralimentierung – auf eine gigantische Summe im Milliardenbereich. Unterm Strich hat sich das Land Berlin bei seinen Beamtinnen und Beamten ein zinsloses Darlehen in Höhe von rund 7 Milliarden Euro beschafft. Diese Summe lässt sich nicht mehr weglächeln: Selbst die Finanzverwaltung unter Staatssekretär Schyrocki rechnet vor, welche finanziellen Dimensionen im Raum stehen, wenn das Land verfassungskonform über alle Gruppen hinweg nachzahlen müsste.
Nachdem das Bundesverfassungsgericht diesen Zustand nun mit aller Deutlichkeit für verfassungswidrig erklärt und den Gesetzgeber zur Reparatur gezwungen hat, würde man eine ehrliche Abwicklung erwarten. Doch was legt die Berliner Finanzverwaltung vor?
Sie bietet schlicht an, etwa ein Siebtel der eigentlichen Summe zurückzuzahlen.
Das ist kein Versehen und auch keine fehlerhafte Prognose. Das ist Kalkül. Wer über Jahre hinweg wissenschaftliche Gutachten, Urteile und Warnungen ignoriert und Rückstellungen im Haushalt schlicht verweigert hat, der handelt nicht fahrlässig, sondern mit Vorsatz.
Besonders dreist: Der Haushalt wurde damit nicht einmal ehrgeizig konsolidiert. Man hat kein allgemeines Sparpaket geschnürt, das alle Leistungsempfängerinnen und Leistungsempfänger sowie Bürgerinnen und Bürger gleichermaßen getroffen hätte. Stattdessen hat man das Geld schlicht anders verteilt. Ein solches selektives Sonderopfer einer einzelnen Gruppe hält vor den Richterinnen und Richtern in Karlsruhe schlicht nicht stand. Das Bundesverfassungsgericht hat immer wieder klargestellt: Der Gesetzgeber darf Beamtinnen und Beamte nicht als Verfügungsmasse missbrauchen, um Haushaltslöcher zu stopfen, während der Rest der Gesellschaft verschont bleibt.
Wie im aktuellen Gesetzentwurf anscheinend getrickst wird, ist an Absurdität kaum zu übertreffen:
1.Der erzwungene Kredit: Über fast zwei Jahrzehnte wurden Einsparungen auf dem Rücken der Beamtenschaft genutzt, um den Berliner Landeshaushalt nicht auf Kosten aller zu entlasten, sondern durch selektive Sonderopfer. Die Zinsersparnis für das Land war immens.
2. Die Hebelung über das Familieneinkommen: Anstatt die Grundgehälter rückwirkend verfassungskonform und tabellenwirksam anzuheben, versucht der Senat, die Verfassungswidrigkeit über überdehnte Familien- und kinderbezogene Familienzuschläge zu kaschieren. Das führt zu dem irren Ergebnis, dass zwei Beamtinnen oder Beamte in derselben Besoldungsgruppe (z. B. A 11) bei identischer Tätigkeit und Leistung Nachzahlungsunterschiede von rund 120.000 Euro aufweisen – bloß, weil die eine Person Single ist und die andere verheiratet mit zwei Kindern. Das verfassungsrechtlich verankerte Leistungsprinzip wird damit völlig ad absurdum geführt.
3. Ignorieren des Karlsruher Tenors: Das Bundesverfassungsgericht hat unmissverständlich festgestellt, dass ausnahmslos die Grundgehaltssätze verfassungswidrig waren. Wer diese Grundgehälter jetzt unangetastet lässt und stattdessen mit komplizierten Abzugsrechnungen, Hilfskonstruktionen und Nachzahlungsdeckeln operiert, betreibt erneut Gesetzgebung „sehenden Auges“ am Verfassungsrecht vorbei.
4. Der doppelte Schnitt bei der Versorgung: Der Fokus auf Zuschläge dient nicht nur dem zinslosen Kredit im Hier und Jetzt, sondern sichert dem Land dauerhafte Einsparungen im Ruhestand. Denn während tabellenwirksame Grundgehaltserhöhungen direkt versorgungsrelevant sind, bleiben Familienzuschläge nicht ruhegehaltfähig. Den Beschäftigten wird so systematisch eine angemessene Pension vorenthalten.
Wenn eine Bank oder ein privater Arbeitgeber so agieren würde – Geld einbehalten, Verfassungsurteile aussitzen und am Ende etwa nur ein Siebtel als „Erstattung“ deklarieren –, stünde der Vorwurf der Untreue oder des Betrugs im Raum. Wenn es der Dienstherr tut, nennt man es „haushaltspolitische Konsolidierung“.
Das Land Berlin hat sich jahrelang ein zinsloses Milliardendarlehen bei seinen eigenen Bediensteten gegönnt. Die Quittung aus Karlsruhe liegt auf dem Tisch. Wer jetzt versucht, die Gläubigerinnen und Gläubiger mit Krumen und Nebelkerzen abzuspeisen, betreibt Arbeitsverweigerung auf dem Rücken der Beschäftigten. Wenn der Gesetzgeber diesen verfassungswidrigen Kurs fortsetzt, bleibt Karlsruhe nur noch der Schritt zu einer Vollstreckungsanordnung nach § 35 BVerfGG. Hier entsteht kein Rechtsfrieden – hier entsteht blanke Wut. Ein Staat, der von seinen Bürgerinnen und Bürgern Gesetzstreue verlangt, muss sein eigenes Unrecht auch vollständig bezahlen.
Exkurs: Vom Auftrag der Medien und der Würde des Pulitzer-Preises
Der Pulitzer-Preis gilt weltweit als die höchste Auszeichnung im Journalismus. Vergeben von der Columbia University in den USA, steht er in seinen Leitkriterien – allen voran beim Pulitzer Prize for Public Service und beim Investigative Reporting – für herausragenden Dienst an der Öffentlichkeit, Zivilcourage, tiefgründige Recherche und das kompromisslose Aufdecken der Wahrheit im Sinne des Pressekodex.
Er zeichnet Journalistinnen und Journalisten aus, die Mächtigen auf die Finger schauen, Missstände beim Namen nennen und sich nicht zum Erfüllungsgehilfen von PR-Abteilungen machen lassen.
Wer heute in der Berichterstattung über die Berliner Besoldung von bloßem „Beamten-Bashing“ oder „Jammern auf hohem Niveau“ spricht, verdreht die Tatsachen und verfehlt die Kernaufgabe der vierten Gewalt. Es geht hier nicht um das Schlechtreden einer Finanzverwaltung oder das Bashing einer Institution, sondern um die schlichte, mathematisch belegbare Wahrheit eines jahrelangen Verfassungsbruchs.
Journalistinnen und Journalisten, die sich das Feigenblatt der Ausgewogenheit umhängen, in Wahrheit aber nur behördliche Ausflüchte nachbeten, verletzen das Fundament ihres Berufsstands. Wer den Anspruch erhebt, Qualitätsjournalismus zu betreiben – oder gar von Auszeichnungen wie dem Pulitzer-Preis träumt –, der muss den Mut aufbringen, Unrecht genau da zu benennen, wo es geschieht. Und es geschieht hier: sehenden Auges, systematisch und auf dem Rücken derer, die diesen Staat täglich am Laufen halten. Wer das verschweigt oder verharmlost, ist eines journalistischen Preises bei weitem nicht würdig.
Sehr guter Kommentar! Wie wäre es denn, neben einer Demo, um evtl. entsprechende Aufmerksamkeit zu bekommen, auch diese oder besser noch diese (nicht wogen😉) Journalisten, sofern es sie noch gibt, ausfindig zu machen, zu kontaktieren und denen diesen Anstoß zu geben, richtig zu recherchieren und es entsprechend in die Öffentlichkeit zu bringen! Ich meine, viel recherchiert werden müsste man ja gar nicht mehr! Es sind ja bereits alle Fakten auf dem Tisch, nur die offensichtlich vorsätzlich getätigten Lügen von den zuständigen Stellen und Personen müssten zusammengefasst, dokumentiert und veröffentlicht werden. So würde die Öffentlichkeit auch endlich mal ein fundiertes und objektives Bild von dieser desaströsen Situation erhalten! Ich meine ja nur🤷♂️😉🤔
Da muss nicht viel recherchiert werden, das hat alles André Grashof schon aufgeschrieben https://www.berliner-besoldung.de/vorsatz-des-besoldungsgesetzgebers-version-2025/ Passt nur nicht in das Konzept des „Qualitätsjournalismus“. Hier wird „sehendes Auges“ seit Jahrzehnten die Verfassung gebrochen und eine „Volkspartei der Mitte“ war durchgängig in Regierungsverantwortung. Alles fing mit einer Bundesratsinitiative unter Führung welcher Partei an? https://www.bundesrat.de/bv.html?id=0178-06
Am schlimmsten an der ganzen Sache finde ich den beliebigen Verfassungsbruch durch Politiker. Der ehemalige Finanzsenator Sarrazin sagt dazu dann auch noch heute in einem Interview: Es war damals notwendig. Das beweist für mich den Vorsatz und dass sie es wieder und wieder tun würden. Die Verfassung und die Rechtsordnung sind beliebig geworden, niemand kann sich mehr darauf verlassen.
Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass ausgerechnet Herr Sarrazin seinerzeit bei Buchvorstellungen in verschiedenen Städten Personenschutz durch die Berliner Polizei erhielt – also durch jene Polizei, deren Beamtinnen und Beamte über Jahre hinweg nicht verfassungsgemäß besoldet wurden. Gleichzeitig erzielte er mit diesen Veranstaltungen und seinen Büchern eigene Einnahmen.
@ JC
Ein Gruß in die Runde.
Sorry, das ist nicht „Bemerkenswert“ sondern eine unverschämte Frechheit die, wenn es so war, sogar Ermittlungen hätte in Betracht ziehen müssen. Und zwar Ermittlungen zu einem Strafverfahren. Diese Ermittlungen wären mit Sicherheit im „Sande“ verlaufen und nach heutiger Sicht wahrscheinlich längst verjährt.
Für „private“ Termine gerne mal den professionellen Schutz derer in Anspruch zu nehmen, die sie wie „Knechte“, „billige Untertanen“ und „Luschen“ behandeln. Ja, darin sind die Fürsten ganz groß.
Damit möchte ich deinen Betrag überhaupt nicht kritisieren, ganz im Gegenteil!
Und ich bin mir sehr sicher, viele Kollegen in den entsprechenden Bereichen könnten auch heute noch ähnliche Erfahrungen mitteilen.
Ich auch, aber es macht wohl keinen Sinn hier über derartige Verfehlungen aus der Vergangenheit weiter zu diskutieren.
Ich weiche vom Thema ab, sorry.
Wichtiger sind die weiteren Verfehlungen die uns möglicherweise bevorstehen, das könnte noch recht heftig werden.
So long…………
Ein Skandal hoch 10 ! Meine Befürchtung geht leider dahin, dass keiner der „Lügner“ und „Betrüger“ am 27. überhaupt nur im Geringsten den „Arsch in der Hose“ hat, sich der Öffentlichkeit zu zeigen….. die sitzen das Ding ganz entspannt aus ! Ich bin total gespannt ob diese Kundgebung auch nur die geringste Wirkung erzeugt…
Chapeau! Sehr gut auf den Punkt gebracht und das ganze Gebaren dieser Politikerkaste für jeden verständlich formuliert! Danke!
Als Senfin das erste Mal die gesamte Summe der zu wenig gezahlten Besoldung im Zeitraum 2008 bis 2020 mit 7 Milliarden Euro bezifferte, hatte ich sofort eine Assoziationen bezüglich der Summe! Wo und wann habe ich schon mal die 7 Milliarden Euro gehört??
Ach ja da war doch was…..
https://www.flughafen-berlin-kosten.de/
Ist natürlich nur reiner Zufall dass der Berliner Pannenflughafen BER auch 7 Milliarden Euro gekostet hat!
Nichts hat mit nichts zu tun….